Zentral, aber im Hintergrund

In unserem monatlichen Rätsel suchen wir dieses Mal eine Wissenschaftlerin

  • Lisa Bor
  • Lesedauer: 3 Min.

Dieser Naturwissenschaftlerin, Lazarettpflegerin und Raucherin wurde erst im Laufe der Zeit bewusst, wie wichtig feministische Kämpfe sind. Ihre Liebe zur experimentellen und theoretischen Physik hatte lange all ihre Aufmerksamkeit beansprucht und sie so fasziniert, dass sie über die Anliegen und Erfolge von Frauenrechtler*innen kaum etwas wusste. Mit diesen Überlegungen beginnt sie 1953 einen Radiobeitrag zum Thema »Frauen in der Wissenschaft«, der im Original im SWR archiviert ist. Im Vortrag berichtet sie über ihren wissenschaftlichen und persönlichen Werdegang und die Kämpfe ihrer Kolleginnen. Dass diese unter diskriminierenden sexistischen Zuständen arbeiteten, wäre heute wohl schnell klar. Ihre Geschichte ist einer der bekanntesten Fälle aus dieser Zeit, in denen ein Kollege ganz allein das Ansehen für die gemeinsamen und ihre eigenen Erkenntnisse eingestrichen hat, während sie zunächst als seine Mitarbeiterin galt.

Im November vor 144 Jahren als eines von acht Geschwistern geboren, erhielt sie vor 100 Jahren nach Studium und Promotion in Wien das Recht, an der Berliner Universität zu lehren und zu forschen. Die allgemeine Zulassung von Frauen 1908 an deutschen Universitäten ermöglichte ihr mehr Zugang – etwa zu allen Räumen der Universität, an der sie arbeitete. Diese zu betreten war ihr zuvor vom Institutsdirektor Emil Fischer untersagt worden. Geschlechtliche Gleichstellung war durch die formale Zulassung natürlich noch nicht erreicht. Im Radiovortrag spricht sie davon, dass es noch bis in die 1920er hinein Professoren gab, die Studentinnen die Teilnahme an Vorlesungen und Seminaren aktiv verweigerten und keine Konsequenzen vom Ministerium zu befürchten hatten.

Ihr langjähriger Kollege, den sie Hähnchen nennt und mit dem sie zusammen bei Max Planck in Dahlem gearbeitet hatte, konnte im Nationalsozialismus weiter forschen und hielt Kontakt zu ihr im Exil in Stockholm. Dabei unterrichtete er sie auch über Ergebnisse von Experimenten, die ihre gemeinsame Forschung zu Transuranen fortsetzten. Zusammen mit ihrem Neffen entwickelte sie eine Theorie zur Spaltung von Atomkernen, die die Ergebnisse der Experimente erklären konnte, und publizierte diese 1938. Die Ergebnisse gelten als Grundlage für die Entwicklung der Atombombe.

An dieser Forschung, die in den USA vorangebracht wird, will sie sich nicht beteiligen. Auch in dieser Hinsicht hat sie ihre Überzeugung geändert. Ihre patriotische Begeisterung zu Beginn des Ersten Weltkriegs ist einer Haltung gegen die Nationalsozialisten und den Krieg gewichen.

Hahn wird für seine Forschung mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet. Ihr selbst wird 1954 der Otto-Hahn-Preis verliehen.

Wer war’s? Antworten an: nd.Die Woche, Steckbrief, Franz-Mehring-Platz 1, 10243 Berlin oder an: steckbrief@nd-online.de

LÖSUNG #289

Bei unserem letzten Steckbrief im August fragten wir nach der indischen Ordensschwester Mutter Teresa.

Gewonnen haben:
Corinna Koob, Berlin
Christine Keil, Overrath
Margit Hieke, Friedrichshafen

Der Preis für das aktuelle Rätsel:
Klassenfahrt. 63 persönliche Geschichten zu Klassismus und feinen Unterschieden. Von Frede Macioszek u. a. (Hg.), 240 S., edition assemblage.

Einsendeschluss ist der 21. Oktober 2022.

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