Politische Beziehungen

Im Kino: »Verliebt, verlobt, verloren« von Sung Hyung Cho

  • Caroline M. Buck
  • Lesedauer: 3 Min.

Westdeutschland importierte Krankenschwestern und Bergleute aus Korea. In die DDR kamen angehende Führungskräfte zum Studium. Der Westen holte sich seine Arbeitskräfte aus dem Süden dieses anderen politisch geteilten Landes, der Osten unterstützte als sozialistisches Bruderland den Wiederaufbau des kommunistischen Nordens. Der Korea-Krieg war noch nicht ganz zu Ende, da kamen die ersten Studenten, meist Männer, aus Nordkorea in Leipzig an. Dort sprach niemand Koreanisch, und die Studenten konnten kein Wort Deutsch, nur ein bisschen schnell angelerntes Russisch.

Irgendwie hat es trotzdem funktioniert. Die Studenten lernten Deutsch - und sie hatten Freundinnen, obwohl das Fraternisieren eigentlich nicht vorgesehen war in diesem ideologisch-akademischen Förderprogramm auf Zeit. Wenn man die Fotos so betrachte, sei das Beuteschema schon klar, sagt eine dieser Frauen heute: Blond waren sie alle, die Freundinnen der Koreaner. Die Bilder ähneln sich, vor allem die von Faschingsfeiern: die Koreaner mit »Ethno«-Verkleidungen, etwa als Chinesen oder Araber, mit angemalten Schnäuzern und Lampenschirmen als Hüten. Als Kinder kamen, wurde geheiratet oder man verlobte sich jedenfalls schnell noch.

Bleiben durfte keiner der Studenten, schon weil sich die politische Lage zwischen den kommunistischen Blöcken inzwischen verschoben hatte und die DDR als sowjetischer Satellit nicht mehr zum China-nahen Nordkorea passte. Auch an eine post-universitäre Familienzusammenführung in Nordkorea war nicht mehr zu denken. Für die Mütter waren die verlorenen Männer die große Liebe ihres Lebens. Die Kinder, die sich ihre Eltern ja nicht hatten aussuchen können (wie einer der Söhne mit Bitterkeit anmerkt), wurden in der Schule gehänselt: wegen ihrer vaterlosen Familie, ihrer schwarzen Haare und Mandelaugen, ihrer »komischen« Nachnamen.

In Jena, Wismar, Leipzig und Dresden hat die Dokumentarfilmerin Sung-Hyung Cho, Deutsche mit südkoreanischen Wurzeln, die Frauen und Kinder der Studenten von damals interviewt. Und sie hat sie auf Spurensuche in Nordkorea begleitet, unterstützt vom Verein deutsch-koreanischer Familien, wo die, deren Väter inzwischen verstorben waren, den nordkoreanischen Alltag zu erleben suchten und mit dem Alltag ihre Väter. Manch andere hatten Glück und fanden vor Ort tatsächlich eine Familie, einen Vater, Halbgeschwister.

Eine der Töchter ist hörbar den Tränen nahe, als sie am Ende das Fazit aus der verhinderten Liebe ihrer Eltern zieht: Konformistisch sei sie geworden durch die Hänselei in der Schule, habe bloß nicht weiter auffallen wollen und die Mitschülerinnen um ihre blonden Locken beneidet. Damit aber habe sie ihren Frieden gemacht. Nur den Vater hätte sie gerne kennengelernt, schon um ihm zu sagen, dass er keine Schuldgefühle mehr zu haben brauche. Denn auch er konnte ja nichts dafür, auch er war ja nur Rädchen in einer viel größeren politischen Gemengelage.

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