Der falsche Hase lebt!

Philipp Guhrs Küchenintervention im Ballhaus Ost

  • Lucía Tirado
  • Lesedauer: 3 Min.

Ziemlich privat kündigte sich das Rezept fürs Stück. »Falscher Hase« im Ballhaus Ost an. Es appellierte ans Gewissen. Man solle doch mal darüber nachdenken, wie oft man seine Lieben belügt, wenn man von ihnen Gekochtes vorgesetzt bekommt und sie selbstverständlich Lob erwarten. Exemplarisches Beispiel.

Na also. Kleine Lügen gehören zum Alltag. Der Mensch braucht sie, um durchzukommen. Inzwischen bis zu 200 Mal täglich, wird gesagt. Ein Ergebnis der Evolution: Lügen haben lange Beine. Die These, dass die Lüge in der Informationsgesellschaft immer schwieriger wird, trifft eher die Politiker als den Menschen auf der Straße. Trotzdem wird unverdrossen weiter so praktiziert - »Mal ganz ehrlich ...«

Das Theaterstück im Ballhaus Ost ist im Restaurant »Falscher Hase« angesiedelt. Omas Küche soll hier auferstehen. Große Aufregung. In den Köpfen und den Töpfen brodelt's. Zu Philipp Guhrs Inszenierung gelangt man in der 3. Etage. Tatsächlich - auch wenn der Spielplan zu dem Raum mit Küchenecke seit Wochen auf der Ballhaus-Website nichts anderes anzeigt, als dass er sich »in Arbeit« befinde.

Das Restaurant ist eingerichtet. Perfekt mehr schlecht als recht. Zerknitterte Tischdecken, ein paar falsche Hasen noch von Ostern darauf platziert. Der Koch werkelt, spricht mit dem Kellner die Speisekarte ab, während sich die Gäste, die sich zur Überraschung der Chefin schon eingefunden haben, ihre Plätze suchen.

»Wir empfeelen ...gespiekte Zwibel ...« - also schreiben kann der Kellner nicht richtig. Er ist auch nicht der, der da sein sollte. Falscher Hase. Und so geht’s weiter. Denn weder die Restaurantbetreiberin, die dem gastronomischen Anliegen ohne finanzielle Basis verfiel, noch der Koch haben die geringste Ahnung vom Geschäft. Nichtsdestotrotz geben sie sich in ihrer rührenden Unfähigkeit ungehemmt gegenseitig Crash-Kurse. Einig sind sie sich darin, dass sie die Gäste schröpfen wollen. Darauf gießen sie Wein aus dem Karton in die Karaffe und sich Bowle und andere geistige Getränke fleißig gegenseitig ein. Dabei hilft dann noch ein zur Eröffnungsfeier eingeladener Freund, so eine Art Biertheken-Nietzsche, der zu allem Überfluss Event-Gastronomie-Ideen einbringt. Die werden ausprobiert. Das ist ein Tanz.

Guhrs Küchenintervention ist eine grandiose Posse. So etwas durchweg Komisches bot die freie Theaterszene lange nicht. Die angekündigten »garantiert serviceerfahrenen Schauspieler« - das ist nicht gelogen - machen die gute Stunde ihres Spiels zu einer Art komischer Erholungskur von Schein und Sein. Mit Verve spielt Tina Pfurr die Vorneweg-wohin-auch-immer-Chefin. Christian Rodenberg gibt sich als Freund weltmännisch. Quatschen muss man können. Matthias Valance agiert mit herrlichen Bewegungen als unfähiger Küchenkünstler. Und Kristof Gerega sprang bei der Premiere für einen erkrankten Kollegen als hilfloser Kellner ein. Dessen Unschuldsgesicht musste man nur das Wort Arbeitsamt entgegen schleudern, dann war er zu allem bereit.

Das von der Alexander-Knorr-Stiftung und der Ost-West Fleischunion geförderte Stück ist ein Sittenbild, ein in kleinen Raum gepresstes urkomisches Abbild unserer Gesellschaft. Eine Metapher. Der falsche Hase lebt!

Der Not oder wem auch immer gehorchend, gibt so mancher vor, in allem bewandert zu sein - ohne die geringste Ahnung. Lügen machen erfinderisch. Sie gebären omnipotente Superstars. Anderen kann man viel erzählen und am Ende glaubt man es selbst. Wahrnehmungsstörungen gesellen sich dazu. Hintersinnig bringt Guhr Eugen Roths »Schnitzel«-Gedicht ein, in dem einem Menschen missrät, was er brät - »...und um sich nicht zu strafen Lügen, aß er's mit herzlichem Vergnügen«. Die Schnitzelrolle im »Falschen Hasen« ist anders. Da hat der Koch den Dreh raus.

29.4., 20 Uhr, Ballhaus Ost

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