Ins Desaster gespart

Gutachten zum Unglück im russischen Norilsk erschienen

  • Ute Weinmann, Moskau
  • Lesedauer: 3 Min.

Bilder aus dem russischen Norilsk zeigen die Folgen einer menschengemachten Umweltkatastrophe: Das intensive Kupferrot steht im deutlichen Kontrast zur graubraunen Umgebung und schneebedeckten Hügeln. Am 29. Mai liefen über 21 000 Tonnen Diesel aus dem Tank eines Wärmekraftwerks aus. Weil ein Auto unbedacht in die entzündliche Flüssigkeit gefahren war, kam es zu einem Brand, der schnell und ordnungsgemäß gelöscht wurde. Die Nachricht verbreitete sich von einer Behörde zur anderen, bis sie zwei Tage später den Kreml erreichte. Da waren bereits 6000 Tonnen im Boden versickert. Den Rest versuchen Rettungsdienste in den umliegenden Gewässern zu lokalisieren.

Gegen fünf Personen laufen Strafermittlungen, darunter seit Donnerstag wegen Fahrlässigkeit auch gegen den Bürgermeister von Norilsk. Rinat Achmetschin war früher als Topmanager bei Norilsk Nickel tätig, das als weltweit führender Nickel- und Palladiumförderer die Region fest in der Hand hält. Auch die besagte Anlage gehört zum Firmenkonglomerat. Völlig unerwartet sei der Vorfall geschehen, behauptete Wladimir Potanin, Chef des Unternehmens, den das Wirtschaftsmagazin »Forbes« in seiner Liste russischer Milliardäre auf Platz eins führt. Betonfundament und Stützen des Dieseltanks seien unvermittelt eingebrochen und in der Folge ein Leck entstanden, gab die Pressestelle bekannt. Über 30 Jahre lang hätten die Stützen einwandfrei ihren Dienst geleistet, aber nach dem anomal warmen russischen Winter habe wohl der gefrorene Boden nachgegeben. Nach einer ersten Lageprüfung kommt die staatliche Umweltaufsicht zum gleichen Schluss.

Vor mehreren Jahren wies die technische Aufsichtsbehörde auf gravierende Mängel hin - passiert ist nichts. Die Stadt Norilsk und ihre aus Sowjetzeiten stammende und längst marode Infrastruktur hätten Investitionen dringend nötig, aber über kleinere Bau- und Reparaturarbeiten reichte die bisherige Planung nicht hinaus. 2001 überführte Norilsk Nickel unrentable Objekte an die Kommune und spart seitdem an nötigen Ausgaben, während Aktionäre mit hohen Dividenden belohnt werden. Allein 2019 waren 4,8 Milliarden Dollar dafür vorgesehen. Weil der Aktienkurs derzeit sinkt, bittet Potanin allerdings um eine Verschiebung der Fristen.

In Norilsk wurde der Notstand ausgerufen, aber im gnadenlos ausgebeuteten russischen Norden ist der Ausnahmezustand längst zur Regel geworden. Die Bevölkerung leidet unter erhöhter Dioxinkonzentration, Flüsse sind durch giftige Abwässer verschmutzt, und selbst neuere technische Anlagen weisen häufig undichte Stellen auf. Aleksej Knischnikow, beim World Wide Fund for Nature (WWF) zuständig für Umweltpolitik, geht davon aus, dass vorherige Austritte von Giftstoffen die empfindliche Flora und Fauna bereits extrem belasten. Aber er hofft darauf, dass aus der jüngsten Katastrophe endlich Konsequenzen gezogen werden. Anfang Juni schaffte es auch die Meldung von 10 000 Tonnen ausgelaufenen Rohöls im Nenezker Autonomen Gebiet in die Zeitungen. Die Gefahren, die vom weltweiten Klimawandel ausgehen, scheint aber bis auf wenige Ausnahmen kaum jemand ernst zu nehmen. Noch machen Permafrostgebiete bis zu 65 Prozent der Fläche Russlands aus, aber das wird nicht mehr lange so bleiben.

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