Johnsons Trägheit

Kritik an Corona-Politik des britischem Premiers

  • Ian King, London
  • Lesedauer: 2 Min.

1020 Coronatote in Britannien und Hiobsbotschaft aus der Politik: Boris Johnson, sein Gesundheitsminister Matt Hancock, Schottland-Minister Alister Jack sowie Thronfolger Prinz Charles leiden an Covid-19. Immerhin kann Johnson seine Anweisungen per Brief an die 30 Millionen britische Haushalte mitteilen. Der Tenor: Der Premier sagt, alles wird in nächster Zeit schlimmer.

Inzwischen werden dem Premier - der trotzdem bisher in der Publikumsgunst gestiegen ist - schwere Fehler vorgeworfen, beispielsweise von der Edinburgher Professorin Devi Sridhar. Während etwa Südkorea auf Anhieb Tests, Quarantäne und Rückverfolgung von Patientenkontakten einführte und damit den Höhepunkt der Krise überwand und Deutschland durch schnelles Handeln die Todeszahlen wenigstens vorläufig nach unten drückte, vertrödelten die Regierenden in London kostbare Wochen. John Ashton, ein ehemaliger Regionaldirektor des Gesundheitssystems NHS, warf der Regierung Trägheit vor. Das gelte sowohl für die Maßnahmen im Land als auch für deren persönliches Verhalten.

Stattdessen setzte Johnson zuerst auf das Konzept der Herdenimmunität: Lasst genug junge Leute am Virus erkranken und wieder gesunden und der ganze Spuk verfliegt mangels Opfer. Dass dabei 20 000 bis 280 000 Briten an Covid-19 sterben könnten, förderte eine Studie des Londoner Imperial College zutage und verursachte bei den Regierenden eine Planungsänderung.

Aber erst als die Fußballoberen aus eigenem Antrieb alle Profiligen absagten, erkannte Johnson die Gefahr, verfügte die Schließung von Lokalen. Stadtbewohner sollten endlich keine weitentfernten schönere Gegenden aufsuchen, die ein schwächer entwickeltes Gesundheitssystem besitzen: Für den 71-jährigen Prinz Charles, der sich hastig zu seinem schottischen Landsitz begab, gilt das nicht.

Auch für misslungene Öffentlichkeitsarbeit ist Johnson verantwortlich, so Sonia Sodha, Leitartiklerin vom Observer. So gab er Kollegen weiterhin die Hand, scharte sich nach der parlamentarischen Fragestunde mit Fraktionskollegen um den Platz des Präsidenten Lindsay Hoyle, ohne sich um den selbstverkündeten Minimalabstand von zwei Metern zu halten. Noch am Mittwoch hatte sich Johnson im beengten Parlament den Fragen von Abgeordneten gestellt - vermutlich bereits mit dem Coronavirus infiziert.

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