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Von Pan lernen
Velten Schäfer füttert Putins Wal mit gefrosteten Obstbaumblüten
Der griechische Hirtengott war ein Militanter der Mittagspause. Störten tierhüterische Aktivitäten seine Siesta, pflegte Pan einen gellenden Götterschrei auszustoßen, der die betreffende Herde in kopflose Flucht trieb und ihr tageszeitignorantes Hütepersonal zum Hinterherhecheln in der Mittagssonne zwang. Nun hat die Schäferei bekanntlich an Bedeutung verloren - doch das nach Pan benannte Phänomen kopfloser Fluchtreaktionen bleibt ein Grundmodus der Gegenwart. Die ideelle Gesamtvorsitzende der jüngeren Zukunftsbewegung hat die »Panik« jüngst gar zur Bürgerpflicht ausgerufen, was nicht ungehört verhallt.
Geraten etwa in Simone Peters Garten Anfang Mai die »Obstbaumblüten« unter Nachtfrosteinfluss, sind für die Ex-Grünenchefin und Ökostromlobbyistin »die ersten Anzeichen« von etwas gegeben, das nur in Großbuchstaben ausgedrückt werden kann. »Umsteuern!«, twittert sie also, »JETZT!« - oder »ist uns die Landwirtschaft, sind uns unsere Lebensgrundlagen wirklich egal?«
Dieser kategorische Imperativ pan’scher Wachsamkeit wirkt nun nicht nur in der Beobachtung der Flora. Auch in Sachen Fauna lässt sich der aufgeklärte Mensch nicht in falscher Sicherheit wiegen. Dies verdeutlichte jüngst ein verdächtig freundlich vor Norwegen aufkreuzender Belugawal: Wofür, wenn nicht eine neue Qualität hybrider Kriegsführung spricht es denn, dass dieser ein Halsband mit Aufschrift »Equipment St. Petersburg« trug? Vorbildlich, dass hernach nicht nur die Großbuchstabenpresse anlief (»Ist dieser Beluga-Wal ein russischer Spion?«) und die Qualitätsmedien Hinweise auf Moskaus Militärtierprogramme streuten - sondern auch die Ortsbevölkerung den Gesellen abwehrbereit per Onlinevoting auf »Hvaldimir« taufte. »Agent James Beluga« kam knapp dahinter.
Wer nun hinsichtlich jener Blüten dröge mäkelt, dass die Eisheiligen nicht die Apokalyptischen Reiter seien und es bei allem Klima auch noch Wetter gibt, hat Pans Lektion nicht recht verstanden. Wie auch, wer jetzt mit dem »Fiskeribladet« wedelt, in dem Fischfachleute Waldimir als »Semjon« identifizierten - als ein vor Jahren verletztes Tier, das in Murmansk aufgepäppelt und zur therapeutischen Kinderbespaßung eingesetzt wurde. Die Frage ist hier doch eher, ob Sie sich wirklich mit Hütejungs identifizieren wollen? Gar mit Schafen?
Denken Sie groß, will Pan Ihnen sagen. Seien Sie auch ein bisschen wie Gott. Oder wenigstens wie Simone Peter. Füttern Sie den Putin-Wal mit gefrosteten Obstbaumblüten, bis sie von Hirten und Herde nur noch fernes Geblöke hören. Und regeln Sie dann reibungsarm, was es zu regeln gibt, am besten unter »Profis«. Oder genießen Sie immerhin eine ungestörte Mittagspause.
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