Demografie und Digitalisierung
Tausende Lehrstellen in der Region noch unbesetzt / Unternehmen werben um Azubis
»Ich bin ganz froh, die einzige Frau in der Klasse zu sein«, sagt Sophie Sauter und lacht. Zu zweit wäre es schwerer gewesen, bei den Jungs aufgenommen zu werden. Sauter macht eine duale Ausbildung zur Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizung- und Klimatechnik. Nach dem Abitur hat sie sich für etwas Praktisches entschieden, weil sie »nicht schon wieder die Schulbank drücken« wollte. »Ich finde es toll, wenn man den Leuten schnell helfen kann. Außerdem sieht man, was man geschafft hat«, sagt die Auszubildende. Drei Wochen am Stück arbeitet sie im Meisterbetrieb von Andrea Tschichholz, eine Woche muss sie mit 20 anderen Auszubildenden die Schulbank in der Max-Taut-Schule in Lichtenberg drücken. Am liebsten möchte sie nach ihrer Ausbildung noch den Meisterbrief ablegen. Und sich danach selbstständig machen? »Erst mal möchte ich gerne noch angestellt bleiben, wenn ich übernommen werden sollte«, antwortet sie und wirft einen prüfenden Blick zu ihrer Chefin. »Und dann muss man gucken, was die Zeit noch so bringt.«
Auf der Bühne im Chamäleon-Theater stellen derweil Schauspieler*innen des Improvisationstheaters »Theatersport Berlin« nach und nach sämtliche Unternehmen vor, die sich an diesem Tag zum Ausbildungstreff 2.0 zusammengefunden haben. Ungefähr 200 Schüler*innen verschaffen sich an diesem Tag einen Einblick in den Berufsalltag von zehn Betrieben. Neben dem Meisterbetrieb von Tschichholz sind noch die Reederei Riedel, das Logistikunternehmen Plischka und der Motorradhersteller Ducati, aber auch die Stadtbibliothek und das Bezirksamt Mitte vor Ort. Sauter ist eine der wenigen Frauen, die einen immer noch männlich dominierten Ausbildungsberuf ergriffen haben. Ihre Chefin achtet bewusst darauf, Mädchen zu fördern. Auch im vergangenen Jahr hatte sie eine Auszubildende, die bei ihr ihre Abschlussprüfung machte.
Derzeit suchen Firmen in Berlin und Brandenburg noch Tausende neue Azubis, um ihre Ausbildungsplätzen zu besetzen. Nach Angaben der Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) sind noch 18 500 Lehrstellen frei. In Berlin sind es rund 10 000, in Brandenburg 8500. Besonders betroffen sind die Branchen Bau und Pflege. Dringend gesucht werden auch Bäcker, die sehr früh aufstehen müssen.
Bislang wurden 26 000 Azubi-Verträge in der Region für das Ausbildungsjahr unterschrieben, das offiziell im Spätsommer beginnt. Nach Ausbildungsbeginn gibt es indes häufig Probleme. Die Wünsche und Vorstellungen der Azubis passen oft nicht mit den Stellenangeboten oder den Erwartungen der Betriebe zusammen. Die Abbrecherquote ist deshalb hoch: Rund 25 Prozent der Auszubildenden schließen ihre Lehre nicht ab. dpa/nd
Gerd Woweries, Leiter des ABB- Ausbildungszentrums, kennt das Problem. 150 Unternehmen lassen derzeit 800 Auszubildende in 24 Lehrberufen bei ABB ausbilden. Davon sind maximal zwölf Prozent weiblich. Und das, obwohl Frauen viel geeigneter für die meisten der hier offerierten Berufe seien. »Unsere weiblichen Auszubildenden sind meistens zielstrebiger, fleißiger und bringen ein gewisses Feingefühl mit.« Alles in allem sieht er jedoch eine steigende Tendenz. Nicht zuletzt auch die zunehmende Digitalisierung der Branche mache Ausbildungsberufe, wie den von Sophie Sauter für Frauen immer attraktiver. »Diese Berufe sind schon lange nicht mehr so schmutzig und kraftintensiv, wie ihr Image vermuten lässt. Heute sind auch Köpfchen und Programmierfähigkeiten gefragt. Die Azubis lernen bei uns die Grundlagen und können sich dann spezialisieren.«
Um alle Ausbildungsplätze für das kommende Jahr besetzen zu können und die sich abzeichnenden Engpässe rechtzeitig zu überbrücken, suchen Unternehmen daher noch händeringend Nachwuchskräfte. »Die Chance auf eine Ausbildung war noch nie so gut wie heute«, sagt der Hauptgeschäftsführer des Unternehmerverbandes Berlin-Brandenburg, Christian Amsinck. Die immer schwierigere Suche nach geeignetem Nachwuchs bezeichnet er als Belastung. »Das ist eine Hypothek für die Arbeitsmarktentwicklung der kommenden Jahre«, sagt er. Anders als noch vor ein paar Jahren kämen derzeit auf jede*n Bewerber*in mehr als ein Ausbildungsplatz. Die steigende Zahl Geflüchteter, die auf den Arbeitsmarkt kommen, täten dem Ganzen jedoch keinen Abbruch. Im Gegenteil: Viele der Hilfesuchenden brächten ideale Voraussetzungen mit. Ein großes Problem stellten jedoch das Sprachniveau und die damit verbundenen Verständigungsschwierigkeiten dar. »Das sind zum Teil hochqualifizierte Leute, die jedoch aufgrund der Sprachbarriere nicht so gut sind, wie sie sein könnten.«
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