Oury Jallohs Familie betroffen über Stopp der Ermittlungen

Feuertod von Asylsuchenden vor zwölf Jahren soll zu den Akten gelegt werden

  • Lesedauer: 3 Min.

Dessau-Roßlau. Die Familie von Oury Jalloh hat laut Anwälten mit Betroffenheit und Unverständnis auf die Einstellung des Ermittlungsverfahrens zu dessen Tod reagiert. Rechtsanwältin Gabriele Heinecke erklärte am Freitag im Namen der Familie, dass gegen die Einstellung Beschwerde eingelegt und der Staatsanwaltschaft erneut aufgegeben werde, welche weiteren Ermittlungsschritte zwingend zu unternehmen seien. Die Staatsanwaltschaft Halle (Saale) hatte am Vortag erklärt, nach sorgfältiger Prüfung der vorliegenden Erkenntnisse habe das am 7. Dezember 2012 von Amts wegen eingeleitete Verfahren keine ausreichenden tatsächlichen Anhaltspunkte für eine Beteiligung Dritter an der Brandlegung ergeben. Eine weitere Aufklärung sei nicht zu erwarten, erklärte die Anklagebehörde.

Wie genau es am 7. Januar 2005 zum qualvollen Feuertod des aus Sierra Leone stammenden Asylsuchenden kam, ist auch bei zwei Landgerichtsprozessen nicht geklärt worden. Fest steht, dass Jalloh mit erheblichen Verbrennungen in einer Zelle des Polizeireviers Dessau gefunden wurde. Dort war er, gefesselt an eine Matratze, gestorben. Jalloh war in Gewahrsam, weil ihm vorgeworfen wurde, mehrere Frauen belästigt zu haben.

2008 waren in einem ersten Prozess zwei Polizisten in Dessau freigesprochen worden. Nachdem der Bundesgerichtshof das Urteil gekippt hatte, wurde ein Beamter 2012 vom Landgericht Magdeburg wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe verurteilt. Eine erneute Revision verwarf der Bundesgerichtshof 2014. Jalloh soll die Matratze selbst mit einem Feuerzeug angezündet haben.

Anwältin Heinecke erklärte am Freitag im Namen der Familie, schon vor sieben Jahren sei verlangt worden, durch Brandversuche am Tatort selbst ein Brandbild herzustellen. Weder die Staatsanwaltschaft Dessau noch die in Halle hätten diesem wissenschaftlichen Vorgehen je entsprochen. Stattdessen seien unter nicht vergleichbaren Bedingungen Brandversuche durchgeführt worden, hieß es.

»Mehr als irritiert« sei die Familie des Opfers auch darüber, dass sich die Staatsanwaltschaft bis zum heutigen Tage nicht mit der 2015 vorgelegten Beweisführung auseinandergesetzt habe, wonach der angeblich aus dem Brandschutt der Zelle stammende Feuerzeugrest nie in der Zelle gewesen sein könne.

Die »Initiative im Gedenken an Oury Jalloh« zweifelt seit Jahren die bisherige These über den Ablauf der tragischen Ereignisse an. Bestätigt fühlt sie sich unter anderem durch ein von ihr selbst in Auftrag gegebenes Gutachten, wonach Jalloh den Brand nicht selbst gelegt haben könne. Die Initiative geht von einer Misshandlung und Ermordung Jallohs aus. Es handele sich um ein rassistisches Verbrechen, das von Vertretern der Polizei, Justiz und Politik vertuscht werde, behauptet sie.

Auch mehrere Politiker kritisierten die Einstellung der Ermittlungen. »Ermittlungsende ist eine nicht hinzunehmende Niederlage des Rechtsstaats«, schrieb der Grünen-Innenpolitiker Sebastian Striegel bei Twitter. »Unfassbar«, twitterte Stefan Gebhardt, parlamentarischer Geschäftsführer der Linkspartei im Magdeburger Landtag. Agenturen/nd

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