Die Augen der Katze

Michèle Morgan tot

  • hds
  • Lesedauer: 2 Min.

Dame und Dämon, Heilige und Hure - wie keine andere Kinematografie schuf der französische Film jene raffinierte Mischung des Weiblichen: das Kühle als reizvolle Brechung der Hitzeschauders. Michèle Morgan, geboren 1920: Stolz, katzenhaft geschnittenes Gesicht. Und blaue Augen, die zur faszinierendsten Schmerzstelle des Kinos wurden. Die Morgan war das Zwei-Rollen-Wesen: Siegerin und Scheiternde. Große Liebende oder große Asketin, an der Seite von Jean Gabin, Humphrey Bogart, Gèrard Philipe, Yves Montand. Schön, leidend - und zugrundegehend am Hässlichen (»Das große Manöver«, »Hafen im Nebel«). Ja, zugrundegehend, aber Männer gingen eher zugrunde: im Moment, da sie getroffen wurden von ihrer Aura. Von diesem legendären Blick - der sich wie eine Gnade verhielt, die sich sorgsam aussuchte, wen zu treffen sie sich herabließ. In der Bilanz: eine urwüchsig Unschuldige und eine grazil Gewiefte. Sie war das Schillern in traditionellen Erzählweisen, und sie blieb sich treu, indem sie sich gleichsam selber einfror. 1990 der letzte Gang vor eine Kamera, und jetzt schien jeder Blick, jede Geste zu sagen: Abstand! Morgan, eine Maske.

In »Hafen im Nebel« sagt Gabin, es regnet draußen: »Du hast schöne Augen, weißt du.« Sie erwidert: »Küssen Sie mich!« Getan. Sie: »Küss’ mich noch mal!« Nach solchen Sätzen geht man nicht aus dem Kino, sondern aus der Welt. In Carnés Film von 1938 wollen ein Mann und eine Frau nichts als - frei sein. Er vom Söldnerdasein, sie - mit Barett und in schimmerndem Regenmantel - vom Vormund.

Frei sein! Der Wunsch macht den Film so zeitlos wie die Reaktion der Wirklichkeit: Nie ist die Welt schon bereit für wahres Freisein. Die Nelly der Morgan verwandelt diese Wahrheit in einen gefühlvollen Existenzialismus, der noch über begrabenen Träumen lächeln kann. Aber nicht erklärt, warum. Nun ist Michèle Morgan im Alter von 96 Jahren gestorben. hds

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