Arbeiten für die Ewigkeit
Vor 25 Jahren startete die Wismut GmbH die Sanierung des Uran-Abbaugebietes der DDR
Chemnitz. Die Bundesrepublik will aus der Atomenergie aussteigen, den Ausgangstoff dafür fördert sie bereits seit 26 Jahren nicht mehr. Am letzten Tag des Jahres 1990 wurde in Sachsen und Thüringen der Abbau von Uranerz eingestellt. Mit der Gründung der Wismut GmbH startete am 20. Dezember 1991 die Sanierung der Hinterlassenschaften aus 45 Jahren Uran-Gewinnung im Dienste der Sowjetunion. »Wir haben das meiste an Sanierungsaufgaben hinter uns«, sagte der Geschäftsführer der Wismut GmbH, Rainer Türmer, beim vorfristigen Festakt im Sommer im thüringischen Ronneburg.
Besonders schwerwiegend sind die Gesundheitsprobleme der Bergarbeiter, die durch Strahlung krank geworden sind. Insgesamt eine halbe Million Beschäftigte hatte die alte Wismut über die Jahrzehnte. Nach Angaben des Nachfolge-Unternehmens wurden bei etwa 9000 Kumpeln seit 1946 Berufskrankheiten durch ionisierte Strahlung anerkannt. »Es kommen immer noch welche dazu«, sagte Unternehmenssprecher Frank Wolf. Viele Kumpel erkrankten an einer sogenannten Staublunge oder an Lungenkrebs - wegen der hohen Konzentration des radioaktiven Radongases in den Schächten.
Dass nun schon lange kein Uran mehr abgebaut wird, heißt nicht zugleich, dass keines mehr gewonnen wird. Bei der Reinigung des Wassers am Standort Königstein werden jedes Jahr einige Tonnen des strahlenden Metalls herausgefiltert. In diesem Jahr wurden 44 Tonnen Uran für einen Preis von rund 750 000 Euro an ein US-Unternehmen verkauft, dessen Namen die Wismut nicht bekannt gibt. 2017 sollen noch einmal 30 bis 40 Tonnen Uran verkauft werden.
Dies sieht der BUND Sachsen kritisch. Das Uran diene als Kernbrennstoff. Weil die Endlagerfrage ungelöst ist und Sicherheitsrisiken bestehen, lehnten die Umweltschützer die Energiegewinnung aus Kernkraftwerken generell ab, erklärten sie auf dpa-Anfrage.
Doch insgesamt hat der BUND nur wenig zu kritisieren. Lediglich auf den Umgang mit dem Uranzerfallsprodukt Radon hat der Verein ein waches Auge. Er bescheinigt der Wismut AG jedoch, dass sie in Bezug auf Radon-Emissionen aus alten Uranerzbergbau-Halden ihre Aufgaben bislang gut erledigt hat. Insgesamt attestierten die Umweltschützer dem Bundesunternehmen: »Größere Probleme oder Mängel aus abgeschlossenen Sanierungsmaßnahmen sind nicht bekannt.«
Für das Beseitigen der Hinterlassenschaft ihres Vorgängers Sowjetisch-Deutsche Aktiengesellschaft (SDAG) Wismut hat die neue Wismut jede Menge Geld vom Staat in die Hand bekommen. 6,2 Milliarden Euro wurden in 25 Jahren ausgegeben - aufgeteilt in 3,2 Millionen Euro für die Thüringer Standorte Ronneburg und Seelingstädt sowie 3,0 Milliarden Euro in Crossen, Pöhla, Schlema, Königstein und Dresden-Gittersee in Sachsen. Damit sind die zum Start errechneten Mittel eigentlich aufgebraucht.
Doch so, wie sich die Fachleute bei der Prognose von 15 Jahren Sanierungszeit getäuscht hatten, war auch der Finanzbedarf zu niedrig angesetzt. In dem 2015 erstellten Plan für die kommenden 30 Jahre werden weitere rund zwei Milliarden Euro veranschlagt. Damit würden die Sanierungskosten bis 2045 auf rund acht Milliarden Euro steigen. Ein Ende ist nicht abzusehen: 2020 steht die nächste Langzeitprognose für wiederum 30 Jahre auf dem Programm. »Man macht was, was für die Ewigkeit sein soll«, sagte Wismut-Sprecher Wolf.
Das Geld kommt aus Steuermitteln. Die Wismut GmbH mit Sitz in Chemnitz ist zu 100 Prozent im Besitz des Bundes und untersteht dem Wirtschaftsministerium. Das Geld werde immer reichen, sagte Unternehmenssprecher Wolf. Denn: Die Ausgaben seien nicht gedeckelt.
Die übernommenen Altlasten waren gewaltig: 1400 Kilometer offene Grubenbaue, 311 Millionen Kubikmeter Haldenmaterial und 160 Millionen Kubikmeter radioaktive Schlämme. Allein für die Schlammmenge würden fast 1,9 Millionen vierachsige Schüttgut-Bahnwaggons benötigt, die zusammen eine Länge von knapp 25 500 Kilometern ausmachen.
»Die Ergebnisse von 25 Jahren Wismut-Sanierung sind beeindruckend und verdienen unser aller großen Dank und Anerkennung«, sagte die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Iris Gleicke (SPD). Die Arbeiten unter Tage sind zu 99 Prozent abgeschlossen. Vor allem über Tage stehen aber noch umfangreiche Aufgaben an. dpa/nd
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