Flüchtlinge protestieren gegen Umzug in Hangars

Rund 40 Menschen campen seit Mittwoch vor dem ICC / Familien und junge Männer fordern »nichts weiter als ein bisschen Privatsphäre«

  • Johanna Treblin
  • Lesedauer: 3 Min.
Nach spätestens sechs Monaten sollen Flüchtlinge in Gemeinschaftsunterkünfte umziehen können, in denen sie sich selbst versorgen. Laut Landesamt für Gesundheit und Soziales fehlt es jedoch an Plätzen.

Eine Frau sitzt mit drei Kindern auf dem Boden. Aus Plastikschüsseln essen sie Reis mit Gemüse. Hinter ihnen stehen ein paar Zelte, Absperrgitter und gut 20 Mitarbeiter von Sicherheitsfirmen in orangefarbenen Warnwesten. Sie sorgen dafür, dass die rund 40 Menschen, die am Donnerstagnachmittag vor dem ICC versammelt sind, nicht unter das Vordach des Gebäudes vorrücken. Aus Brandschutzgründen, heißt es.

Die Versammelten sind vor allem Flüchtlinge aus der Notunterkunft in der Messehalle 26. Diese wird geräumt, um Platz für kommende Ausstellungen zu machen. Die meisten Familien wurden in Heime mit besseren Bedingungen gebracht. In der Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne zum Beispiel bewohnen sie eigene Räume. Manche aber wurden in die Unterkunft im ICC verwiesen, alleinreisende Männer sollen in die Hangars nach Tempelhof. Dagegen wehren sie sich. Seit ihrem Auszug am Mittwoch sitzen sie nun vor dem ICC.

»Wir gehen nicht nach Tempelhof«, sagt Saeed Al-Hassan. »Wir haben alle mindestens fünf Monate in der Messehalle gelebt, manche sogar zehn. Wir haben gelebt wie Vieh. Nach der Schließung der Messehalle sollten wir in bessere Unterkünfte kommen. Jetzt sollen wir aber wieder in eine Halle.«

Al-Hassan ist sauer. Die Unterbringung in Wohnungen oder einer Gemeinschaftsunterkunft steht ihm nach spätestens sechs Monaten zu. So sieht es das Asylbewerberleistungsgesetz vor. »Wir waren in mehreren Gemeinschaftsunterkünften, in denen uns gesagt wurde, dass sie freie Plätze haben«, sagt er. Aufnehmen können diese aber nur, wenn das Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) dem zustimmt.

»Was die Flüchtlinge nicht wissen«, sagt Detlef Wagner, beim LAGeSo zuständig für den Standort ICC: »Es gibt in den kommenden Tagen eine Vielzahl von Freizügen von Turnhallen.« Auch diese Flüchtlinge sollen aus der dortigen bedrängten Situation endlich ausziehen können, die Hallen für den Sportunterricht wieder freigegeben werden. »Wir halten die Hangars für eine wesentlich bessere Unterkunft«, sagt Wagner. Dort gebe es eine bessere medizinische Versorgung und Einrichtungen für Kinder.

Dieser Meinung ist Georg Classen vom Berliner Flüchtlingsrat nicht. Er spricht vor Ort mit den Flüchtlingen, beratschlagt mit Felicitas Karimi von der Initiative »Willkommen im Westend« und verhandelt mit Wagner. »Die Hangars in Tempelhof sind ein Abschreckungszentrum«, sagt Classen. »Genehmigt waren sie nur als Eventlocation, nicht als Notunterkunft. Im Herbst 2015 hatten wir eine Notsituation, da wurden kurzfristig Notunterkünfte benötigt. Aber die Hangars sind als Dauereinrichtung konzipiert - das geht gar nicht.«

Ein kleiner Junge schiebt seinen Ärmel hoch und zeigt einen dicken roten Punkt: Von einer Bettwanze aus der Unterkunft im ICC, sagt Al-Hassan, das sei ärztlich bestätigt. Auch eine junge Frau zeigt eine Reihe roter Punkte auf ihrem Arm, die schon etwas verblasst sind. Das sei auch der Grund, warum die Familien nicht in die Unterkunft im ICC gehen wollen.

»Die Bettwanzen hat nur eine Familie, die sich geweigert hat, den Schädlingsbekämpfer in ihr Zimmer zu lassen«, sagt Matthias Nowak, Sprecher der Malteser, die die Notunterkunft betreiben. Der Schädlingsbekämpfer komme regelmäßig, zuletzt vor eineinhalb Wochen. Classen zufolge sind hingegen mehrere Familien betroffen.

Im ICC sollen sich außerdem zwei Familien eine Wohnung teilen mit nur einem Zimmer und 40 Quadratmetern. »Wir wollen nichts weiter als ein bisschen Privatsphäre«, sagt Al-Hassan. Er würde auch gerne Deutsch lernen, ist aber noch nicht als Flüchtling anerkannt und darf keinen Integrationskurs besuchen. »Ich lerne trotzdem. Mit Youtube.« Aber in einer Notunterkunft wie den Hangars sei an Lernen kaum zu denken. Deshalb protestiere er weiter für eine bessere Unterbringung. »Wir bleiben hier. Wenn es sein muss eine Woche. Oder länger.«

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