A wie Alltag

Berliner Kinos stellen Doku über europäische anarchistische Projekte vor

  • Ralf Hutter
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Regierungen sollen die Probleme der Menschen lösen - doch sind sie nicht Teil des Problems? Mit dieser Frage beginnt der Dokumentarfilm »Projekt A«, der am 4. Februar in die Kinos kam und den Anarchismus vorstellen will. Es folgen Bilder berühmter Anarchisten (die einzige Frau ist Emma Goldman) und Szenen von Ausschreitungen. Dazu läuft das Lied »Smash it up« (Zerstör’ es) der revolutionären Band »The (International) Noise Conspiracy«. Mehr Klischee geht also kaum.

Dabei will diese Doku gerade »den gängigen Klischees über Steinewerfer und Chaoten« entgegentreten, wie in ihrem Internetauftritt zu lesen ist. Doch das gelingt ihr nicht ganz. Wie auch in anderen Punkten ist der Film an dieser Stelle nicht ganz stimmig.

Zu Beginn führen uns die beiden Filmemacher Marcel Seehuber und Moritz Springer nach Athen, ins berühmte Viertel Exarchia, aus dem die Radikalen sowohl alle Bankfilialen als auch die normale Polizei vertrieben haben, wie wir lernen. Sie stellen einen ehemaligen Parkplatz vor, der besetzt und zu einem Park und Garten umgestaltet wurde, sowie ein selbstverwaltetes medizinisches Zentrum. Am helllichten Tag fängt die Kamera ein, wie Vermummte ein Feuerwehrauto in Brand setzen, das zur Löschung eines angesteckten Luxusautos angerückt war. Daraufhin, und nach Bildern von Ausschreitungen bei Demos, sagt eine Protagonistin ein paar Sätze zum Thema Gewalt, die Filmemacher jedoch nichts. Später in Katalonien klingt es kurz nach dem Beginn einer Vertiefung, als der Film darauf hinweist, dass die revolutionäre Großkooperative CIC mit ihrem Legalismus und dem Aufbau einer Alternativökonomie ganz anders orientiert ist als die extrem kämpferische Athener Szene. Doch das wird nicht ausgeführt.

Diese mangelnde Vertiefung ist mehrmals ein Manko. Die Doku besucht zwar das anarchistische Welttreffen in der Schweiz 2012, erzählt aber nicht, wer dort war und was gemacht wurde. Der Athener Anarchismus wird zwei Mal als »jung« bezeichnet, ohne zu erwähnen, dass die tatsächliche Radikalisierung vieler junger Leute in den letzten Jahren im Kontext einer in Griechenland alteingesessenen Bewegung zu sehen ist. Die spanische Gewerkschaft CGT wird als Erbin der Konföderation anarchosyndikalistischer Gewerkschaften CNT vorgestellt - einer der wichtigsten Protagonisten im Widerstand gegen Franco - ohne zu erwähnen, dass es die CNT immer noch gibt und warum die beiden getrennt sind. Woher der Mythos vom Anarchisten als Gewalttäter kommt, wird gar nicht erst berührt.

Die Stärke des Films ist das Zeigen der Vielfalt, die das anarchistische Treiben heute annimmt. Wenn er die CIC auf ihrer Suche nach wiederzubelebenden Höfen in den Bergen begleitet oder die umherziehende deutsche Aktivistin Hanna Poddig (als sie sich an Bahnschienen kettet), dann sind das gute Einblicke in Projekte und Menschen, die den Anarchismus heute leben. Dass auch die solidarische Landwirtschaft »Kartoffelkombinat« aus München vorgestellt wird, obwohl sie sich gar nicht als anarchistisch versteht, ist ein gelungener Abschluss, denn das zeigt, dass Anarchismus ohne Identitätspolitik auskommen kann.

»Projekt A«, FSK bis 17.2., Brotfabrik bis 24.2., Lichtblick bis 2.3.

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